Nahtlose Webschläuche für die Automobilindustrie, hochsensible Membranen für die Medizintechnik oder leistungsfähige Filtermaterialien: Die Wuppertaler Textilindustrie steht für hochspezialisierte Produkte, die weltweit gefragt sind. Um diese traditionsreiche Branche zu unterstützen, gibt es lokale Angebot speziell in den Bereichen Fachkräftegewinnung und Forschung.
Wie Unternehmen diese Potenziale nutzen können, zeigte der 9. Wuppertaler Stammtisch für Technische Textilien. Gastgeber war diesmal das Wichernhaus Wuppertal mit seinem Qualifizierungszentrum Textil (QZ Textil) in Heckinghausen. Auf rund 1.000 Quadratmetern stehen hier zahlreiche Textilmaschinen, an denen berufliche Orientierung, Qualifizierung und Umschulung ganz praktisch stattfinden.
Vom Qualifizierungszentrum in den Textilbetrieb
Regine Widmeyer-Wagner, Geschäftsführerin der Wichernhaus Wuppertal gGmbH (Öffnet in einem neuen Tab), stellte die Einrichtung vor. Als sozialer Träger unterstützt das Wichernhaus Menschen dabei, am Berufsleben teilzuhaben und berufliche Perspektiven zu entwickeln. Das QZ Textil (Öffnet in einem neuen Tab) ist dabei ein wichtiger Baustein.
Als das gemeinsame Ausbildungszentrum der Verbände Rheinischer und Norddeutscher Textil- und Bekleidungsindustrie, die Textilakademie NRW in Mönchengladbach, eröffnete, stellte sich die Frage nach der Zukunft des Standorts in Heckinghausen. Die Antwort war ein eigenständiges, ergänzendes Angebot. „Es sollte kein Alternativstandort werden, sondern sich an verschiedene Zielgruppen richten“, erläuterte Widmeyer-Wagner. Entstanden ist ein Qualifizierungszentrum für berufliche Orientierung, Umschulung und Prüfungsvorbereitung. „Wir finden, es ist eine Erfolgsgeschichte“, so die Geschäftsführerin.
Davon profitieren auch die Textilunternehmen der Region. Alexandra Halstenbach, Einrichtungsleitung der Abteilung Berufliche Integration, stellte die Qualifizierungsangebote vor. Besonders etabliert hat sich seit dem Start im November 2018 die Umschulung zum Maschinen- und Anlagenführer (m/w/d) in der Textiltechnik. „Seitdem konnten wir 38 Menschen mit einem Facharbeiterbrief ausstatten und in die Industrie entlassen“, berichtete Halstenbach.
Der nächste Umschulungskurs startet im Spätsommer 2027. Dafür stehen zwölf Plätze zur Verfügung. Die reguläre Dauer beträgt 16 Monate. Für Menschen mit Migrationshintergrund gibt es zudem ein 24-monatiges Angebot, das eine berufsbezogene Deutschförderung auf dem Niveau B1 einschließt.
Ein flexibler Einstieg ist über die Qualifizierung zur technisch-gewerblichen Anlernkraft möglich. Die Teilnehmenden erwerben dabei praktische Grundlagen, um anschließend als Helferinnen und Helfer in einem Textilbetrieb zu arbeiten oder eine Ausbildung aufzunehmen. Ein vorgeschalteter Probemonat hilft bei der beruflichen Orientierung. „Dabei können sie herausfinden: Ist das etwas für mich?“, erklärte Andrea Milunovic, Ausbildungsleitung und Berufliche Integration.
Die Angebote lassen sich auch zu individuellen Berufswegen verbinden: vom Einstieg über eine Qualifizierung im QZ Textil zur Ausbildung an der Textilakademie in Mönchengladbach und einer anschließenden Festanstellung in einem Wuppertaler Unternehmen.
Dass die beiden Einrichtungen dabei gut harmonieren, bestätigte Dr. Uwe Kirchhoff, Geschäftsführer der Textilakademie NRW. „Wir haben ein hohes Interesse daran, dass das Wichernhaus sein gutes Angebot im QZ Textil umsetzen kann.“ Schließlich gehe es darum, zusätzliche Arbeitskräfte für eine Branche zu gewinnen, in der die Unternehmen dringend Personal benötigen.
Jürgen Altmann von der Wirtschaftsförderung Wuppertal, der den Textilstammtisch organisiert, ermutigte die Unternehmen deshalb, die Möglichkeiten vor Ort zu nutzen: „Sie haben hier quasi ein Heimspiel.“ Ein Vorteil des Wichernhauses sei die Nähe zur Branche und zu den Betrieben. „Wir kennen die Branche, die lokalen Betriebe und unsere Teilnehmenden. Deshalb können wir gut beurteilen, wer zu wem passt und oft passgenau vermitteln“, ergänzte Milunovic. Auch fachspezifische Schulungen und Teilqualifizierungen können Unternehmen individuell anfragen.
Bergische Universität: Wissenschaft als Partner der Wirtschaft
Wie Unternehmen die Kompetenzen der Bergischen Universität Wuppertal nutzen können, war Thema des zweiten Impulsvortrags. Dr. Anja Kluge aus dem Team Third Mission (Öffnet in einem neuen Tab) stellte die vielfältigen Möglichkeiten für Kooperationen vor. Ihre Botschaft: Auch kleinere und mittelständische Unternehmen sind eingeladen, den Kontakt zur Universität zu suchen.
Allein im vergangenen Jahr verzeichnete die Bergische Universität 3.652 Absolventinnen und Absolventen. Gut zwölf Prozent davon seien für die Textilindustrie interessant, berichtete Kluge, die zugleich den Career Service der Universität leitet. Besonders in den MINT-Fächern und Ingenieurwissenschaften gebe es Potenzial für die Branche. Dazu zählen unter anderem Maschinenbau, Sicherheitstechnik, Automatisierungstechnologie, IT, strategische Produkt- und Innovationsentwicklung sowie Chemie und Sustainable Management.
Über die sogenannte Third Mission bringt die Universität Wissenschaft und Wirtschaft zusammen. Ziel ist es, Wissen aus der Hochschule in die Praxis zu übertragen und umgekehrt Fragestellungen aus den Unternehmen in Forschung und Lehre aufzugreifen. So hat die Uni bereits an Projekten zu saugenden Vliesstoffen und Filtertechnologien mitgearbeitet.
Dabei muss eine Zusammenarbeit nicht gleich mit einem großen Forschungsprojekt beginnen. Möglichkeiten bieten beispielsweise studentische Abschlussarbeiten, Promotionen in Unternehmen, Gastvorträge oder die Teilnahme am Recruiting-Tag der Universität. „Wir bieten auch Job Talks an. Dabei kommen die Unternehmen in die Uni und stellen sich den Studierenden vor. Oder andersherum besuchen wir Sie auch gerne mal mit einer Gruppe in Ihrem Betrieb“, so Kluge.
Forschung beginnt mit einer guten Fragestellung
Wie eine Zusammenarbeit auf Forschungsebene aussehen kann, erläuterte Dr. Erik Freier, Geschäftsführer des Interdisziplinären Zentrums Machine Learning and Data Analytics (IZMD) (Öffnet in einem neuen Tab). Mit rund 200 Mitarbeitenden, mehr als 50 Forschungsprojekten und 40 aktiven Unternehmenskooperationen verfügt das Zentrum über umfangreiche Kompetenzen. Das jährliche Drittmittelbudget liegt bei bis zu sechs Millionen Euro.
Ein Schwerpunkt liegt aktuell auf Daten und Künstlicher Intelligenz. Dass daraus praktische Lösungen entstehen können, zeigte Freier anhand eines Projekts mit einem Dachdeckerbetrieb, den das IZMD bei der intelligenten Bedarfsplanung unterstützt hat. Grundsätzlich könnten Unternehmen mit ganz unterschiedlichen Ideen an das Zentrum herantreten. Entscheidend sei, dass sich daraus eine wissenschaftlich interessante Forschungsfrage entwickeln lasse.
Darauf gab es spontan viele Einfälle seitens der Unternehmerschaft. Ein Thema war der Umgang mit dem Erfahrungswissen langjähriger Beschäftigter. Viele ältere Mitarbeitende verfügten über ein über Jahre aufgebautes, wertvolles Fachwissen. Wenn sie in den Ruhestand gehen, drohe dieses Wissen verloren zu gehen. Wie es sich systematisch sichern und für nachfolgende Generationen nutzbar machen lässt, könnte ein Ansatzpunkt für eine Zusammenarbeit sein.
Ein weiteres Feld ist die Nachhaltigkeit technischer Textilien. Viele Produkte bestehen aus Materialverbünden, beispielsweise aus PVC-beschichteten Geweben. Am Ende ihrer Nutzungsdauer lassen sich die einzelnen Bestandteile oft schwer voneinander trennen. Gesucht werden deshalb Verfahren, mit denen sich solche Materialien besser aufbereiten und idealerweise wieder in den Stoffkreislauf zurückführen lassen.
Die Diskussion machte deutlich, dass es in der Wuppertaler Textilindustrie zahlreiche konkrete Fragestellungen gibt, bei denen Qualifizierung, Wissenstransfer und Forschung zusammenkommen können. Dafür müssen Unternehmen nicht weit suchen: Mit dem QZ Textil des Wichernhauses und der Bergischen Universität stehen ihnen Partner direkt vor Ort zur Verfügung.



