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Aktuelles | 30.09.2025

Textilunternehmen gestalten Zukunft

Beim 7. Stammtisch für Technische Textilien diskutierten Unternehmen, Verbände und Institutionen über Wege, Innovation und Fachkräfte langfristig zu sichern.

Rund 50 Gäste kamen zum Stammtisch Technische Textilien in Wuppertal.

Die Textilindustrie ist tief in der DNA Wuppertals verankert – und hat sich längst zur Hightech-Branche entwickelt. Heute entstehen hier Produkte wie hochsensible Membranen für die Medizintechnik oder nahtlose Webschläuche für die Automobilindustrie, die weltweit gefragt sind. Der Textilstammtisch „Technische Textilien Wuppertal“ bringt die Branche jedes Jahr zusammen, um Innovationen sichtbar zu machen, den Austausch zu fördern und gemeinsame Zukunftsthemen zu diskutieren.

Am 29. September 2025 fand die siebte Auflage des Netzwerktreffens bei der Gebrüder Jaeger GmbH statt – mit rund 50 Gästen aus Unternehmen, Verbänden und Institutionen. Im Mittelpunkt standen zwei Schlüsselfragen für die Branche: Wie lassen sich Innovationsprozesse erfolgreich verankern? Und: Wie können Unternehmen internationale Fachkräfte gewinnen und langfristig halten?

Wir durften hinter die Kulissen bei Gebrüder Jaeger schauen.

Gastgeber mit Zukunftsvision

Begrüßt wurden die Gäste von Jürgen Altmann  von der Wirtschaftsförderung Wuppertal und René Kinle, CFO bei der Gebrüder Jaeger GmbH (Öffnet in einem neuen Tab). Kinle betonte die besondere Rolle des Unternehmens, das im vergangenen Jahr sein 100-jähriges Jubiläum feierte: „100 Jahre erreicht man nicht nur durch Tradition – als Unternehmen muss man auch innovativ sein.“

Die Gebrüder Jaeger GmbH ist ein Paradebeispiel für diesen Wandel: 1924 gegründet, produziert das Unternehmen heute mit rund 270 Mitarbeitenden am Standort Wuppertal textil- und kunststoffbasierte Komponenten für die Automobil-, Bau- sowie Schuh- und Lederwarenindustrie. Abdichtbahnen für Badezimmer, Nahtverstärkungen für Autopolster oder nicht-brennbare Schnürsenkel für Feuerwehrstiefel zählen zum Portfolio. Mit dem 2018 eröffneten Technologiezentrum VISITEC und dem neuen Showroom VisiLoft setzt Jaeger konsequent auf Forschung, Entwicklung und Kundennähe – und hat zuletzt sogar eine eigene Unternehmens-KI eingeführt, um interne Prozesse effizienter zu gestalten.


Kemal Uslu verriet, wie Gebürder Jaeger Innovationsprozesse gestaltet.

Innovationsprozesse bei Jaeger – Ein Blick hinter die Kulissen

Wie Innovation bei Jaeger konkret umgesetzt wird, zeigte Kemal Uslu (Head of Product Management, Gebr. Jaeger). Mit dem firmeneigenen Inkubator PATHS wurde ein systematischer Prozess etabliert, der Innovationen als „Sub-Brand“ im Unternehmen verankert.

Das Innovations-Team arbeitet nach einer klaren Struktur:

  • 70 % der Arbeitszeit fließen ins Kerngeschäft
  • 20 % in angrenzende Entwicklungen
  • 10 % in völlig neue Ideen

Damit Kreativität nicht im Alltag untergeht, gibt es eine digitale Plattform, auf der Ideen gesammelt, bewertet und weiterentwickelt werden können – auch mobil. Besonders wichtig: der Blick über den Tellerrand. Kooperationen mit Hochschulen, Startups und Institutionen wie der Wirtschaftsförderung liefern wertvolle Impulse.

Inzwischen sind aus dem Inkubator vier Konzepte hervorgegangen, zwei davon bereits auf dem Weg in die Umsetzung. Das Publikum durfte sich an diesem Abend selbst wie die Löwen in einer bekannten TV-Show fühlen und entscheiden: Investieren - ja oder nein?

  • Modulare Chelsea-Boots mit austauschbaren Elastics (Patentanmeldung läuft)
  • 3D-Konfigurator, mit dem Kunden Produkte individuell gestalten können (aktuell in der Prototyping-Phase)

Uslus zentrale Tipps für erfolgreiche Innovationsprozesse: ein freigestelltes Team, klare Strategien, geeignete KI-gestützte Tools, ein starkes Netzwerk und vor allem Lust auf Neues.


HR-Managerin Lena Beythien engagiert sich bei der Textation Group für Arbeitskräfte mit Migrationshintergrund.

Vielfalt als Schlüssel: Internationale Fachkräfte

Ein weiterer Schwerpunkt des Abends war die Frage, wie Unternehmen Fachkräfte gewinnen und langfristig binden können. Lena Beythien, HR Managerin der Textation Group (Öffnet in einem neuen Tab) berichtete, wie ihr Unternehmen dabei gezielt auf Menschen mit Migrationshintergrund setzt, die bereits in Wuppertal leben. Obwohl viele Bewerbungen auf den ersten Blick nicht den Erwartungen entsprechen, führt Textation fast mit jedem Bewerber zunächst ein persönliches Gespräch. Gerade dadurch lassen sich Potenziale entdecken – oft auch bei Quereinsteigern, die zwar zu Beginn einen höheren Betreuungsbedarf haben, langfristig aber große Entwicklungsmöglichkeiten mitbringen.

Erfahrungen aus der Praxis bei Textation:

  • Sprache als Schlüsselkompetenz: Eigene, branchenspezifische Deutschkurse machen Fachbegriffe und Arbeitsabläufe verständlich.
  • Individuelle Förderung: Persönliche Gespräche helfen, Potenziale trotz unvollständiger Unterlagen sichtbar zu machen.
  • Quereinsteiger im Fokus: Mit intensiver Begleitung entwickeln sie sich häufig zu wertvollen Fachkräften.
  • Soziale Unterstützung: Arbeitgeber leisten oft moralischen Beistand – bei Unsicherheiten oder offenen Aufenthaltsfragen.

Dabei gilt: Unternehmen können zwar Rückhalt geben und Orientierung bieten, aber sie können natürlich nur begrenzt beim Integrationsprozess – gerade bei juristischen Fragen und bürokratischen Vorgängen - unterstützen. Ein großer Vorteil für Wuppertaler Arbeitgeber ist hier die sogenannte Fiktionswirkung: Wurde rechtzeitig die Verlängerung des Aufenthaltstitels beantragt, gilt dieser gemäß § 81 Abs. 4 Aufenthaltsgesetz solange weiter, bis die Ausländerbehörde entschieden hat. Das bedeutet: Beschäftigte dürfen während des laufenden Verfahrens uneingeschränkt weiterarbeiten.

Unterstützung finden Unternehmen zudem bei:


Ein Vorzeigeprojekt: Die Textilakademie NRW für die Nachwuchsgewinnung.

Nachwuchs sichern – die Textilakademie NRW

Ein starkes Signal für die Ausbildung setzte Dr. Uwe Kirchhoff (VBU, Vereinigung Bergischer Unternehmerverbände). Er stellte die Textilakademie NRW (Öffnet in einem neuen Tab) in Mönchengladbach vor, die mit Investitionen von 30 Millionen Euro eine der modernsten Branchenakademien Deutschlands ist.

Die Fakten:

  • 250 Auszubildende in 9 Berufen
  • 14 festangestellte Lehrkräfte
  • Blockunterricht mit eigenem Gästehaus (150 Betten)
  • enge Zusammenarbeit mit der Hochschule Niederrhein
  • auch Weiterbildung für Fachkräfte

Finanziert wird die Akademie über Beiträge der Textil- und Bekleidungsverbände – und gilt als „Erfolgsstory der Textilindustrie in NRW“.

Ein sehr gelungener Abend – und aus Sicht der Wirtschaftsförderung von besonderem Wert. Denn der neu aufgestellte Unternehmensservice hat sich zum Ziel gesetzt, Innovationsnetzwerke in Wuppertal aktiv zu stärken.

In diesem Zusammenhang betonte Eva Platz, Vorständin der Wirtschaftsförderung Wuppertal: „Verstehen Sie uns als Ihre Servicepartnerin. Kommen Sie gerne mit Ihren konkreten Fragestellungen auf uns zu – wir sind an Ihrer Seite.“

Der Abend endete mit einem Rundgang durch den Showroom VisiLoft und vielen Gesprächen bei einem Imbiss – ganz im Sinne des Stammtisch-Formats: Vernetzung, Austausch und neue Impulse für die Zukunft der Technischen Textilien in Wuppertal.

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

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